Blau.Pause – MAGAZIn

Wie alles begann

Der erste gemeinsame Moment liegt inzwischen ein paar Jahre zurück. Es war im Januar 2022, als wir – Anne Hasselbach, Claudia Muntschick und Claudia Matthes – durch die Tür der Blaudruckwerkstatt in Pulsnitz traten. Wir arbeiten in den Bereichen Kreativwirtschaft und Regionalentwicklung.

Dort trafen wir Cordula Reppe, die Blaudruckerin. Sie führte uns durch ihre Werkstatt, zeigte uns Modeln und Druckstöcke, erzählte vom mühsamen Färben und von den langen Trocknungszeiten. Sie erzählte von Mustern, die seit Generationen weitergegeben werden, und von der unsicheren Zukunft dieses Handwerks.

Dieser Blaudruck ist kein historisiertes Schaustück. Er ist eine lebendige Technik. Eine Technik, die hier in der Region seit fast 400 Jahren praktiziert wird und die zu den vermutlich ältesten Deutschlands zählt.

Die Wurzeln dieser Werkstatt reichen zurück bis ins Jahr 1633, nach Steinau in Schlesien. Dort wurde die Blaudruckerei der Familie Stein gegründet. Das älteste erhaltene Motiv – „Josua und Kaleb“ – gestaltete Samuel Stein 1720 als Gesellenstück. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Gerhard Stein als Nachfahre dieser alten Blaudruckerfamilie durch Aussiedlung nach Pulsnitz. Mit ihm kam das Wissen. Die Model. Die Technik. Die Tradition.

Blaudruck ist nicht einfach Stofffärben. Es ist ein Verfahren, bei dem mit handgeschnitzten Modeln feinste Muster auf Baumwolle oder Leinen gedruckt werden. Nach dem Druck kommt die Indigo-Küpe, das lange Tauchbad, aus dem der Stoff nach und nach sein tiefes Blau annimmt. Es ist eine Technik, die Zeit braucht – viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit als heutige Maschinen.

Wir hörten von alten Mustern, manche stammen aus dem frühen 18. Jahrhundert und erzählen von Stichen und Szenen längst vergangener Zeiten. Wir hörten, wie Blaudruck einst in Trachten eingeflossen ist und wie er in der Region nicht nur produziert, sondern gelebt wurde. Und wir begriffen zugleich: Diese Werkstatt ist heute die letzte aktive Blaudruckerei in der Lausitz.

Als wir 2024 unsere Idee bei einem Wettbewerb einreichten, wussten wir bereits, dass Cordula Reppe als letzte Blaudruckerin in Pulsnitz nur noch wenige Jahre bis zur Rente hatte. Diese zeitliche Perspektive machte die Situation sehr konkret. Wenn das Handwerk nicht weitergeführt wird, verlieren wir nicht nur eine Werkstatt. Wir verlieren Wissen. Wir verlieren eine lebendige Tradition. Wir verlieren einen Ausbildungsort. Und wir verlieren einen Teil der Identität einer Stadt, die sich seit Jahrhunderten über Handwerk definiert.

Denn das betrifft nicht nur den Blaudruck. Pulsnitz ist eine Handwerkerstadt. Alles, was hier durch Hände geschaffen wurde und wird – ob Pfefferkuchen, Keramik oder Textil – prägt die Region und macht sie einzigartig. Wenn dieses Wissen nicht weitergegeben wird, wird der ländliche Raum ein Stück austauschbarer.

Aus diesen ersten Gesprächen heraus wuchs eine Idee. Keine fertige, perfekte. Sondern eine, die Raum lässt für Fragen, Zweifel, Lernen und Erproben. Dieses Gefühl, dass etwas Besonderes nicht in Vergessenheit geraten darf, war der Anfang von unserem gemeinsamen Projekt „Blau.Pause“.

Mit unserer Idee sind wir anschließend auf die Stadt Pulsnitz zugegangen und es öffneten sich Türen. Es gab nie Zweifel an der Wichtigkeit des Projektes und so gingen wir gemeinsam los.

2024 traten wir mit unserer Idee beim Wettbewerbsformat simul⁺ an, das Regionen dabei unterstützt, lebendig, nachhaltig und zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Wir reichten unser Konzept ein: ein Ort für das Handwerk, für Blaudruck und darüber hinaus, ein Experimentierraum auf dem Gelände der Werkstatt. Und wir gewannen.

Seit diesem Sieg ist viel passiert. Wir haben rechtliche Grundlagen geschaffen, Zuständigkeiten geklärt. Was am Anfang eine Idee war, musste tragfähig werden, Fristen mussten eingehalten und Strukturen aufgebaut werden.

Wir haben Gespräche mit den Nachbarn geführt. Über Baufragen, über Wegeführungen, über das Miteinander auf engem Raum. Denn ein neuer Ort entsteht nicht im luftleeren Raum – er wird Teil eines gewachsenen Gefüges.

Im Februar 2025 haben wir gemeinsam mit dem HeimatvereinPulsnitz ein Blaudruck-Erzählcafé veranstaltet. Menschen brachten alte Stoffe, Schürzen, Fotos und Erinnerungen mit. Sie erzählten von Aussteuerstücken, von Arbeitskleidung, von Tauschgeschäften. Wir haben zugehört und Wünsche gesammelt. Was soll bleiben? Was soll sich verändern? Welche Hoffnungen verbinden sich mit diesem Handwerk?

Parallel dazu sind Kooperationen entstanden. Netzwerke haben sich verdichtet – zwischen Handwerk, Kreativwirtschaft, Stadt, Vereinen, Bildungseinrichtungen. Wir haben den Blaudruck auf Veranstaltungen vorgestellt, auf Podien darüber gesprochen, die Idee des Blauen Salons erklärt, Fragen beantwortet, Zweifel ausgehalten. Wir haben Mitmacher gesucht – und gefunden. Menschen, die ihre Zeit, ihre Gedanken, ihre Erfahrung einbringen wollen.

Es ist viel passiert, wenn auch bisher eher im Unsichtbaren, – dafür sind wir sehr dankbar. Dankbar für das Herzblut und die Motivation, die alle Beteiligten mitgebracht haben, dankbar für das Interesse und die Unterstützung, die uns auch außerhalb des Teams entgegengebracht wurde.

Wir sind gewachsen – als Team, in unserer Überzeugung und in dem, was wir bewegen wollen. Und nun, in diesem Jahr, wird der „Blaue Salon“ gebaut: ein multifunktionaler Raum, der Werkstattalltag und Vermittlung, Geschichte und Zukunft verbindet.

Der Blaue Salon ist kein Museum. Er ist kein Eventraum. Er ist ein Möglichkeitsraum. Ein Ort, an dem Menschen sich mit eigenen Händen dem Blaudruck nähern können, ohne den laufenden Betrieb der Werkstatt zu stören. Ein Ort, an dem gelernt, ausprobiert, nachgedacht und weitergegeben werden kann.

Was im Januar 2022 mit einer Werkstattbesichtigung und einem Gespräch begann, ist heute ein gemeinsamer Weg geworden. Ein Weg, der aus dem Bewahren heraus ins Tun führt. Wir gehen ihn, weil wir glauben, dass dieses Handwerk mehr ist als Technik. Es ist Geschichte, Identität und Zukunft zugleich.

Und wir gehen ihn gemeinsam – damit der Blaudruck in Pulsnitz nicht verloren geht.

Begleitet uns auf dieser Reise …

Ihr könnt unser Geschehen ab sofort auch auf dem Whatsapp-Kanal »Blau.Pause – Blaudruck in Pulsnitz« verfolgen.

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